Erfa-Stammtisch, 21. Mai 2026 zum Thema «Digitale Teilhabe für alle»
Der Erfa-Stammtisch «Digitale Teilhabe für alle» zeigte: Digitalisierung bringt Fortschritt, aber auch neue Hürden. Gemeinden stehen vor der Aufgabe, den Zugang zu digitalen Leistungen für alle sicherzustellen. Praxisbeispiele aus Arlesheim, Binningen und von der Schweizerischen Post liefern konkrete Ansätze.
Klar wurde: Ohne koordinierte Zusammenarbeit bleibt ein Teil der Bevölkerung zurück.
Behördliche Dienstleistungen werden zunehmend digital abgewickelt. Doch was bedeutet das für Menschen, die keinen Zugang zu Geräten, Internet oder digitalen Kompetenzen haben? Genau diese Frage stand im Zentrum des Erfa-Stammtischs «Digitale Teilhabe für alle».
Werkstattbericht aus Arlesheim: Digitalisierung beginnt intern
Den Auftakt machte Katrin Bartels, Leiterin der Gemeindeverwaltung Arlesheim. Ihr Fazit: Digitale Teilhabe muss ganzheitlich gedacht werden: intern, im Austausch mit der Bevölkerung und gemeinsam mit externen Partnern.
Interne Digitalisierung als Basis
Die Gemeinde setzt dabei auf klare Strukturen und gezielte Befähigung:
- Einführung eines Geschäftsverwaltungssystems (GEVER) als zentrale Datenbasis
- Einheitliche Arbeitsplattformen statt paralleler Ablagen
- Schulung und Begleitung der Mitarbeitenden – bewusst als kontinuierlicher Prozess
- Interne Kommunikation über digitale Plattformen wie Crossiety, auch für Mitarbeitende ohne PC-Arbeitsplatz
Der entscheidende Punkt: Nur wenn Mitarbeitende selbst sicher im digitalen Umfeld agieren, können sie die Bevölkerung kompetent unterstützen.
Unterstützung dort, wo sie benötigt wird
Besonders innovativ ist der neue Gemeindepunkt in Arlesheim. Er fungiert als niederschwellige Anlaufstelle für Personen mit Unterstützungsbedarf:
- Hilfe beim Ausfüllen von Online-Formularen
- Unterstützung beim Finden von Informationen
- Systematisches Sammeln von Nutzerfeedback zur Verbesserung der Website
Digitale Plattformen wie Crossiety ergänzen dies als «digitaler Dorfplatz», wie durch Umfragen, Informationen oder Beteiligungsprozesse.
Einblicke aus der Praxis: Hürden im Sozialdienst
Im anschliessenden, von Tobias Schär (Verein «Wir lernen weiter») geführten Interview gab Stefan Rindlisbacher (Gemeinde Binningen) Einblick in die Realität im Sozialdienst.
Für viele Klientinnen und Klienten des Sozialdienstes stellen selbst einfache digitale Aufgaben grosse Hürden dar:
- fehlende E-Mail-Adressen
- Probleme beim Hochladen von Dokumenten
- kein Zugang zu Geräten oder Internet
- sprachliche Barrieren und komplexe Anwendungen
Gerade in Bereichen wie Bewerbung, Wohnungssuche oder Behördenkontakt entstehen dadurch erhebliche Schwierigkeiten.
Digitale Grundausstattung als Schlüssel
Ein klarer Befund: Ohne Geräte keine Teilhabe.
Kooperationen, etwa mit Organisationen wie «Wir lernen weiter», ermöglichen den Zugang zu günstigen Laptops und Support. Die Wirkung ist deutlich:
- höhere Selbstständigkeit der Betroffenen
- effizientere Zusammenarbeit im Sozialdienst
- gesteigertes Selbstvertrauen
Digitale Teilhabe wird damit zu einer grundlegenden Voraussetzung für soziale Integration – vergleichbar mit Bildung oder Sprachförderung.
Post als neue Anlaufstelle: Die «soziale Drehscheibe»
Pascal Wiget von der Post präsentierte ein ergänzendes Modell: die Postfiliale als niederschwellige Beratungsstelle.
Die Idee: Orte des Alltags werden zu Zugangspunkten für digitale Unterstützung. Konkret bedeutet das:
- kurze Beratungsgespräche direkt am Schalter (bis zu 10 Minuten)
- Erkennen von Unterstützungsbedarf
- gezielte Weitervermittlung an passende Angebote
- Motivation zur Teilnahme an Kursen oder Beratungen
Das Ziel: Aus einem kurzen Kontakt wird eine konkrete Aktivierung von Unterstützungsangeboten.
Warum solche Modelle nötig sind?
Die Zahlen zeigen den Handlungsbedarf deutlich:
- Rund 1.25 Mio. Erwachsene haben Mühe mit Lesen und Schreiben
- Über 1 Mio. Personen kämpfen mit Alltagsmathematik
- Bis zu einem Drittel mit geringen digitalen Kompetenzen
Postfilialen erreichen genau diese Menschen im Alltag und können damit eine wichtige Brückenfunktion übernehmen.
Zentrale Erkenntnisse auf einen Blick
Erfolgsfaktoren für digitale Teilhabe:
- Interne Befähigung: Mitarbeitende müssen digital kompetent sein
- Niederschwellige Zugänge: Physische Anlaufstellen bleiben zentral
- Digitale Grundausstattung: Geräte und Internet sind Voraussetzung
- Kooperation: Gemeinden, Kantone, Bund und Partner müssen zusammenarbeiten
- Kontinuierliche Weiterentwicklung: Digitale Angebote brauchen Pflege
Herausforderungen:
- fehlende Geräte und Zugangsmöglichkeiten
- komplexe Formulare und Prozesse
- unklare Zuständigkeiten und Finanzierung
- schwierige Erreichbarkeit von Menschen, die mehr Unterstützung brauchen
Fazit: Digitale Teilhabe ist Gemeinschaftsaufgabe
Der Erfa-Stammtisch machte deutlich: Digitalisierung allein schafft noch keine Teilhabe. Es braucht Strukturen, Begleitung und vor allem Zusammenarbeit.
Gemeinden spielen dabei eine Schlüsselrolle als erste Anlaufstelle für die Bevölkerung. Gleichzeitig können sie diese Aufgabe nicht alleine stemmen. Gefragt ist ein Zusammenspiel von Verwaltung, Sozialdiensten, Bund, Kantonen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Oder, wie es eine Teilnehmerin zusammenfasste: Digitale Teilhabe darf nicht nur Effizienz schaffen – sie muss Chancengleichheit sichern.
Vielen Dank an alle Referierenden und Teilnehmenden für die praxisnahen Einblicke und den offenen Austausch.
Link Folien:
- Präsentation Erfa-Stammtisch Mai
- Präsentation Katrin Bartels, Leiterin der Gemeindeverwaltung Arlesheim
- Präsentation Pascal Wiget von der Post